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Wenn der Steuerprüfer zweimal klingelt

Christiane Jurgelucks
Herzlich willkommen nach so langer Zeit zum traditionellen Silvesterblog. Ab sofort muss ich mir genau überlegen, was ich hier schreibe, denn das Finanzamt liest mit. So lässt sich wohl eine recht eindrückliche Erfahrung der letzten Monate beschreiben, die an einem sonnigen Morgen mit Handyklingeln begann. Normalerweise ist mein Handy immer auf stumm geschaltet, aber an diesem Morgen war es das aus irgendeinem Grund nicht, so antwortete ich an diesem recht frühen Morgen noch etwas verschlafen mit meinem Namen. Am anderen Ende der Leitung ein überaus freundlicher junger Mann des Finanzamtes, der mir gut gelaunt eine Außenbetriebsprüfung ankündigte und meine Überraschung geschickt nutzte, um mir die ersten „lockeren“ Fragen über meine Barkasse zu stellen. Das Ganze hübsch eingewebt in freundlichen Smalltalk über „Gott und die Welt“.
Dazu freundliche Anmerkungen darüber, dass er sich in das Sachgebiet auch erstmal einarbeiten müsse, sich in der Sparte der Paartherapie ja gar nicht auskenne, aber eine mögliche nachträgliche Umsatzsteuerpflicht zur Debatte stünde. Ganz und gar harmlos, ein Finanzamtwelpe sozusagen (will nur spielen). Später las ich im Netz, dass dieses Verhalten typisch sei. Schön locker, investigativ, leider nicht neutral, sondern immer Witterung aufnehmend, einer potenziellen Straftat auf der Spur. Ich dachte, dass Steuerprüfer und Therapeuten eine große Gemeinsamkeit haben:

Sie interessieren sich intensiv für das Leben ihrer Mitmenschen, aber es gibt mindestens zwei prägnante Unterschiede. Als Therapeut vertraue ich, auch wissend, dass mir nicht alles erzählt wird, und ich spioniere nicht im Leben meiner Klienten, bzw. verfolge Ihre Spuren im Netz.
So fühlte ich mich unter den nicht enden wollenden (teils wirklich überflüssigen) Fragen zunehmend wie eine Straftäterin, der man die Steuervergehen nur noch nicht nachgewiesen hatte. Meine Wochenenden verbrachte ich mit dem Suchen von irgendwelchen Quittungen von Kleinstbeträgen, die man eigentlich nicht mehr einreichen muss und war mit Fragen konfrontiert, die ich definitiv nicht beantworten konnte, da ich nicht mehr genau wusste, was ich an welchem Tag zwischen 2015 und 2017 gemacht hatte. Die größte „Freude“ bereitete mir das Suchen von Belegnummern meines EC-Gerätes, welches ich mir mit meinem Kollegen teilte. Der freundliche Herr des Finanzamtes fand, nachdem wir ein ganzes Wochenende mit Ordnen von Nummern verbracht hatten die Lösung von ganz allein: „Wir haben durch die Prüfung Ihrer Praxis im Finanzamt viel gelernt. Jetzt wissen wir, warum manche Geräte eine Splitting-Funktion haben, dadurch können zwei Menschen sie nutzen!“ HEUREKA! Wie schade, dass diese Erkenntnis erst nach den circa tausend eingereichten Kassenschnitten kam. Das Schlimme an so einer Prüfung ist, dass der zu Prüfende Mitwirkungspflichten hat, selbst, wenn die Fragen mehr als überflüssig sind. Das alles kostet viel Zeit und noch mehr Nerven. Ich bekam eine Idee davon, was Staatsgewalt bedeutet. Und ich bekam auch eine Idee davon, dass ich die Steuerprüfung zu zahlen habe, selbst, wenn es überhaupt keine Beanstandung gäbe. Zahlen, damit ich noch mehr zahlen kann. Die freundlichen Herren fanden wenig: Da gab es noch eine Quittung, die nicht ordnungsgemäß ausgestellt worden war (ich war zur Fortbildung in Hamburg gewesen und hatte nicht im Hotel, sondern in einer Ferienwohnung günstig übernachtet) und es fehlte ein Stempel. In der Abschlussbesprechung der Steuerprüfung erhielt ich ein kostenloses Update darüber, was eine ordentliche Quittung ausmacht mit dem Hinweis, dass man selbstverständlich recherchiert habe und aufgrund einer Bewertung im Netz davon ausginge, dass ich tatsächlich dort gewesen sei…und im Finanzamt gehe es ja wirklich menschlich zu…und deshalb bereit sei, mir diese Quittung von 259,00 anzuerkennen. Ich hauchte ein „Danke schön,“ angewidert von mir selbst. Leider kann ich es nicht anders ausdrücken, verbunden mit dem dringenden Gefühl, sehr vorsichtig sein zu müssen. Ich lernte, Steuerrecht ist sehr kompliziert und nicht unbedingt gerecht.
Ganz eindeutig sah das Finanzamt meine Tätigkeit als umsatzsteuerpflichtig an, da der Beruf des Paartherapeuten nicht geschützt sei, vielleicht könnte man auch noch Gewerbesteuer fordern, was im Abschlussbericht tatsächlich so zu lesen war. Auf meine Frage, wie es denn sein könne, dass mir das Finanzamt anfangs eine andere Auskunft gegeben habe und keine meiner Steuererklärungen beanstandet habe, obwohl immer ein Umsatzsteuerbogen inkludiert war, kam die lapidare Antwort: „Wissen Sie, Steuerrecht ist kompliziert und auch beim Finanzamt geschehen Fehler…“ Dass diese Fehler einen Kleinunternehmer mal ganz schnell in die Insolvenz treiben können, wird wahrscheinlich als Kollateralschaden in Kauf genommen.
So bin ich laut Abschlussbericht sowohl umsatzsteuer- als auch gewerbesteuerpflichtig – gegen Letzteres werde ich definitiv Einspruch erheben – und das, obwohl ich eine Therapieausbildung habe, die seit Kurzem von den Krankenkassen neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie als Psychotherapie zugelassen ist. Für das Finanzamt keine Qualifikation, um zu therapieren. Steuerrechtlich dürfen das nur Ärzte und auf Überweisung tätige Heilberufe, Psychotherapeuten sowie Heilpraktiker. Paartherapie ist aber grundsätzlich keine Kassenleistung, obwohl unbestritten ist, dass dauerhafte Paarkonflikte zu großen gesundheitlichen und seelischen Einschränkungen führen können. So fallen wir Paartherapeuten durch das Netz. Die, die noch nicht geprüft wurden, rechnen ohne Umsatzsteuer ab und die anderen mit. Oder sie machen die Heilpraktikerprüfung für Psychotherapie. Diese Prüfung befähigt zur Psychotherapie, obwohl keine Therapieausbildung gefordert wird. Jeder Mensch über 25 mit Hauptschulabschluss und polizeilichem Führungszeugnis kann diese Prüfung machen, in der vor allem nach den Grenzen psychotherapeutischen Handelns gefragt wird. Heilpraktiker sollen nicht schaden, aber nützen müssen sie auch nicht (ich gebe zu, das ist zynisch). Steuerrechtlich sind sie mit Ärzten und anderen Heilberufen gleichgestellt.
So werde ich nun das tun, was unumgänglich scheint, ich fahre meinen Betrieb runter und mache die Heilpraktikerprüfung. Sinn macht das nicht, aber meinen Trotz kann ich mir nicht leisten und meine Leistungen sollen sich nicht verteuern. Ich mache die Prüfung also für Sie und für mich und versuche es positiv zu sehen. Es gibt bestimmt etwas zu lernen!
Eine kleine Anekdote der freundlichen Herren von der Finanzprüfung zum Schluss. Ich wurde darüber aufgeklärt, dass auf meinen Rechnungen neben den Namen meiner Klienten auch die Anschriften stehen sollten, schließlich habe man Zugriff auf alle Daten des Einwohnermeldeamtes in Deutschland, und man wolle nachvollziehen können, wer bei mir in der Praxis gewesen sei…hier verweigerte ich meine Kooperation und berief mich auf meine Schweigepflicht und den geschützten Raum der Therapie. Nachmittags hatte ich dann tatsächlich ein Erstgespräch mit einem Paar, neben ihrem Mann bestehend aus einer Steuerprüferin selbigen Finanzamtes, die mir sehr dankbar dafür war, dass keine Daten auf der Rechnung stehen. Es kommt eben immer auf den Kontext an, das ist ursystemisches Denken.

Damit Sie hier nicht nur von frustrierenden Erfahrungen lesen, muss ich Ihnen unbedingt noch von schönen Dingen und Ereignissen berichten.
Ende März konnte ich endlich meine neuen Praxisräume in der Hafencity beziehen, natürlich mit ganz viel Stress, Arbeiten auf den letzten Drücker und dem Leben auf und in einer Baustelle. Anbei ein paar Bilder vom „davor“ und „danach“.

Mittlerweile bin ich richtig glücklich angekommen und habe mich an die Kombination von Arbeiten und Wohnen gewöhnt. Klienten, die zu mir nach Hamburg kommen, erleben auch wie ich (wir) wohne(n)…..und fühlen sich wohl, manchmal so sehr, dass sie gar nicht mehr gehen wollen, ohne sich in Ruhe alle Einrichtungsgegenstände und Dekoartikel anzuschauen. Erstaunlicherweise kommt die zugegebenermaßen recht ungewöhnliche Praxisfarbe sehr gut an. Ein Paar brachte es vor ein paar Tagen mal wieder auf den Punkt: „Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass anthrazit gestrichene Räume schön seien, dann hätte ich den Kopf geschüttelt, aber in Ihren Räumen mit den dunklen Wänden und den warmen Farben und den vielen Pflanzen kann man sich einfach nur wohl fühlen. Das ist wie eine Insel der Ruhe für uns.“ Mich freuen diese Kommentare immer wieder. Sie glauben gar nicht, wie ich mich vor den möglichen Bemerkungen gefürchtet hatte, mich aber trotzdem getraut habe, meinem Geschmack zu folgen. So arbeite ich nun in Karlsruhe in warm und weiß und in Hamburg in warm und schwarz. Beides hat etwas, aber mittlerweile fühle ich mich in den dunklen Räumen wohler. Die Atmosphäre ist ruhiger und intimer und für meine Augen ist es eine Wohltat, nicht vom hellen Licht geblendet zu werden.

Und wie geht es jetzt weiter? Meine Arbeit in Karlsruhe neigt sich dem Ende zu. Ich habe einen neuen Kollegen in der Praxis, der im neuen Jahr als Hauptmieter bestimmen wird. Ich bleibe auf jeden Fall noch bis zum Sommer und nehme auch noch Klienten an, die keine ganz engmaschige Begleitung brauchen. Auch hier heißt es Abschied nehmen, sowohl von lieb gewonnenen Klienten als auch von meiner ersten Praxis, die schon immer ein wenig groß für mich war und die ich mit so viel unerschrockenem Mut gegründet habe. Meine Zukunft stelle ich mir kleiner vor, nicht mehr die ganz großen finanziellen Verpflichtungen (damit was für das Finanzamt übrig bleibt ;). Zeit haben für Herzensprojekte und Leben. Ich möchte wieder mehr schreiben….Die letzten zwei Jahre waren wirklich sehr herausfordernd, aber ich glaube, dass die Talsohle durchschritten ist und freue mich auf den Aufstieg, wo immer er auch hinführen wird.
Eine Neuerung zeichnet sich aber schon ab: Paar- und Sexualtherapie in Hamburg wird immer häufiger im „Doppelpack“ als Paar in Anspruch genommen werden können. Ein Paar berät ein Paar. Erste Erfahrungen mit sehr positiven Rückmeldungen sind gemacht, mein Lebenspartner ist in seinem Sexologiestudium vorangekommen und die gemeinsame Arbeit erleben wir als sehr bereichernd. Auch wenn ich es allein gut kann, zu zweit wird es oft noch besser. In diesem Sinne: Fragen Sie nach, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie sich durch ein Paar besser beraten fühlen.
Als erstes gemeinsames Projekt möchten wir gerne eine kostenlose offene Sprechstunde für Studierende und junge Menschen in der Ausbildung anbieten, die sich die normalen Honorarsätze nicht leisten können, angeregt durch ein Studentenwohnheim als unsere direkten Nachbarn in der Hafencity. Wir möchten uns hier beheimaten und vernetzen, etwas geben, aber auch teilhaben, Kontakte ermöglichen, Nachbarschaft pflegen und uns in einer Gemeinschaft aufgehoben wissen.

In diesem Sinne werden wir diesen Abend hier vor Ort erfahren, einer Einladung des Studentenwohnheimes zur Silvesterparty für Studierende und Nachbarn folgen und hoffentlich einen schönen und freudigen Start in das neue Jahr erleben.

Auch Ihnen wünsche ich ein zufriedenes und gesundes Jahr 2019 mit Auf- und Abstiegen, die genau so groß sind, dass Sie Ihre Kraft und Ihr Durchhaltevermögen spüren. Und ich wünsche Ihnen einen oder mehrere Menschen an Ihrer Seite, die Ihnen liebevoll dabei helfen.

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