„Mundtot“ – Über Unsagbares und unsägliche Reaktionen

Gestern Morgen in der Badewanne – nachdenkend über diese sehr besondere Zeit – kam mir der Gedanke, ich müsste einmal über das „Unsagbare“ schreiben. Eigentlich ein Widerspruch.

Vor einigen Tagen teilte ich einen Post auf facebook, der sich mit der Rolle der Polizei im Zusammenhang der „Coronabestimmungen“ beschäftigte und sich mit der Frage auseinandersetzte, wie weit Polizisten gezwungen würden, gegen eigene Überzeugungen handelnd tätig zu werden. Ich denke, das ist ein Konflikt, den alle Menschen aus Berufsgruppen kennen, die Kraft Status und Hierarchie tun müssen, was den Anordnungen entspricht.

Vor ein paar Tagen hatten wir (mein Mann und ich) Besuch eines Beamten der Hamburger Polizei in unserer Wohnpraxis. Er wies mich darauf hin, dass ich die Polster auf der Bank vor unserer Praxis zu entfernen habe, da so die Bestimmungen lauten. Vorsichtig darauf hingewiesen, dass dies unsere private Bank sei auf der wir gemeinsam unseren Kaffee oder unser Glas Wein genießen würden, konterte er mit der Aussage, dass genau dies wegen Corona nicht erlaubt sei, schulterzuckend, sich entschuldigend, „so seien jetzt die Zeiten.“

So räumte ich zunächst die Kissen hinein, ich wollte keinen Ärger, aber zunehmend regte sich Widerstand in mir. Was haben oder hatte die Absicht, die Pandemie einzudämmen, mit den Kissen auf der Bank oder dem schon viel zitierten „Lesen eines Buches auf einer Parkbank, zu tun. Ich überlasse es Ihnen selbst.

Ich fühlte mich hilflos und auf eine ganz blöde Art und Weise wie ein Kind behandelt. „Wir wissen, was gut für Dich ist, denn Du bist nicht in der Lage, die Verantwortung für Dich selbst zu übernehmen.“ Dabei kann ich das sehr gut. Schon lange vor den massiven Einschränkungen unserer Grundrechte hielt ich Abstand und mied Menschenmengen. Samstagsshoppen mit Millionen anderer Menschen war mir schon immer ein Greul und auch der Respekt vor dem intimen Raum eines anderen schon immer wichtig. Das heißt, die neue Normalität überschneidet sich nicht unerheblich mit meiner Wohlfühlnormalität.

Aber zurück zum Facebookpost: Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und reichten bei meinem Mann, der meinen Post geteilt hatte, von „das habe ich nicht von Dir erwartet“, wer so etwas postet, der verschwindet sofort von meiner Freundesliste“ bis hin „das ist gefährlich, wie kannst Du so egoistisch sein, mir fehlen die Worte, hast Du denn gar kein Mitgefühl mit den alten Menschen, Du nimmst billigend in Kauf, dass alle sterben.“ Letzterer Kommentar kam von einer meiner besten Freundinnen, die mich seit 18 Jahren kennt. Wir beide waren fassungslos und verletzt. In diesen Tagen scheint es nur „schwarz oder weiß“ zu geben. Befürworter der Einschränkungen gegen Verschwörungstheoretiker. Und wo bleiben wir? Werden wir im „Dazwischen“ zerrieben? Der nächste Morgen war still. Ich fühlte mich wie gelähmt und es fiel mir schwer mit solchen Emotionen umzugehen. Es fühlte sich nicht nach freiem Dialog an, also beschlossen wir, unsere privaten Facebookaccounts für die nächste Zeit ruhen zu lassen, und absolut gar nichts mehr zu liken oder zu teilen. Ich finde es eigentlich wichtig, mich an der Diskussion zu beteiligen und meine Meinung aufrecht und aufrichtig zu vertreten, aber ich halte die Reaktionen nicht aus. Undifferenziertes „Plattmachen“ gepaart mit moralischer Abwertung bringt mich verbal zum Schweigen. Mit offenem Mund will alles in mir zum Ausdruck bringen: „aber das habe ich doch gar nicht gesagt“, und kein einziges Wort verlässt meinen Körper. Es ist unsagbar.

Ein kleines bisschen angeregt durch einen Post eines Kollegen von mir, der sich mit möglichen Triggern für die momentan sehr heftigen emotionalen Entladungen in den sozialen Medien beschäftigt hat, spürte ich möglichen Ursachen meines ambivalenten Rückzugs nach. Warum und unter welchen Bedingungen bin ich so schnell mundtot zu machen. Und woher kommt mein Bedürfnis nach Selbstverantwortung und Freiheit?

Ich nehme Sie auf eine Reise in meine Herkunftsfamilie mit, denn dort sind die persönlichen und familiär erlebten Verletzungen zu finden. Und wenn ich von persönlich oder familiär erlebt spreche, dann meine ich die Familienthemen, die meine Eltern aus ihrer Familie und dem zeitlichen Kontext mitbrachten und die somit mein Aufwachsen und das meiner Geschwister maßgeblich beeinflussten.

Mein Vater – Jahrgang 1925 – wurde mit 19 kurz vor Kriegsende zum Wehrdienst eingezogen und nach Kriegsende in russische Kriegsgefangenschaft genommen, von der er erst 1949 ziemlich herzkrank freikam. Was er dort erlebte, davon sprach er so gut wie nie, aber es war spürbar auf vielen Ebenen. Ich denke, er war traumatisiert. Damals existierte der Begriff noch nicht, aber wir spürten es zum Bsp. beim samstäglichen Eintopfessen, wenn er uns den ungeliebten Eintopf fast in unsere Körper prügelte, weil er gehungert hatte. Er nahm sich Zeit, dieses Essen zu überwachen. Meine jüngste Schwester sammelte das Essen in den Backentaschen und durfte aufstehen, mein nächstältester Bruder und ich spuckten es wieder auf den Teller um erneut zu versuchen, es irgendwie runter zu bekommen, was oft den halben Nachmittag dauerte. Wir verstanden damals nicht, was passierte, aber wir spürten, dass unser Vater es wirklich ernst meinte. Daraus folgte bei mir, dass ich es nicht gut akzeptieren kann, wenn ich zu etwas genötigt werde, was mir nicht gut tut und ich als gewalttätig oder übergriffig, wie wir in der Psychologie Tätigen immer so gerne sagen, empfinde. Auch mein eigenes Kind musste niemals etwas essen, was es nicht mochte und isst heute recht ausgewogen.

Eine andere Begebenheit, die mich sehr beschäftigte, war eine plötzlich auftretende Aggressivität, die keinerlei Argumentation zugänglich schien und mich hilflos und wütend zurückließ. Ein Beispiel: Ich bin 14 und darf auf eine offizielle Schulparty. Zur Feier des Tages habe ich bis 22h Ausgang unter der Voraussetzung, dass der Vater meiner damals besten Freundin uns abholt und mich dann nach Hause fährt. Leider kam Claudias Vater nicht zur verabredeten Zeit und wir konnten ihn auch telefonisch nicht erreichen, so gingen wir los und just als wir das Haus der Freundin erreichten und sie nachschaute, was mit ihrem Vater war, hielt unser Familienauto und mein Vater zerrte mich unter Beschimpfungen, die ich hier nicht nennen will, ins Auto. Derweil hatte Claudia ihren Vater gefunden. Er war in der Küche eingeschlafen. Es nutzte mir nichts. Zuhause angekommen flippte mein Vater regelrecht aus, beschimpfte und würgte mich. Er hielt es nicht für nötig, mich anzuhören. Meine Mutter stand daneben und tat nichts. In diesem Moment beschloss ich – als einzige Möglichkeit meine Würde zu wahren – zu schweigen und ihn niemals mehr an mich heranzulassen. Als sei der Abend nicht schon schlimm genug gewesen, eröffnete meine Mutter mir am nächsten Morgen, dass mein Vater in der Nacht einen schweren Herzanfall gehabt habe und ich die Schuld dafür trage. Ich war fassungslos. Ich trug am wenigsten Schuld von allen und wurde dennoch in die moralische Verpflichtung genommen. Wie war es möglich, dass meine sonst intelligenten Eltern die Tatsachen so verdrehten und mir eine Verantwortung für einen möglichen Tod zuwiesen. Mein Vater hatte in jener Nacht noch einmal Glück gehabt und sich mit Valium beruhigen können.

An jenem Abend wurde er zum Täter an mir und wies mir die Verantwortung dafür zu. Das macht mich auch heute noch fassungslos und wir kennen diese Art der Argumentation bei Vergewaltigungen. „Sie hat doch selbst Schuld, wenn sie abends allein unterwegs ist.“

Auch in diesen Zeiten werden gerne Verantwortungen zugeschrieben, die nicht zulässig sind. Wenn ich mich kritisch äußere, dann bin ich automatisch auf der falschen Seite und bringe Rentner um, auch wenn ich das nie gesagt habe oder so gehandelt habe.

Um es hier ganz klar nochmal auf den Punkt zu bringen: ich bin davon überzeugt, dass wir Verantwortung für Menschen übernehmen müssen, die dazu nicht in der Lage sind oder die in sogenannten „geschlossenen Systemen“ leben. Dazu zählen Gefängnisse, Flüchtlingsunterkünfte, Krankenhäuser oder Pflegeheime, denn geschlossene Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass man sie nicht einfach verlassen kann und man teilweise seiner Rechte beziehungsweise seiner Verantwortung – je nachdem wie man den Fokus setzt – beraubt wird. Für all diejenigen müssen wir Verantwortung übernehmen, leider wird in der Öffentlichkeit fast nur über alte und einsame Menschen diskutiert, obwohl diese in der Lage wären und es vielfach auch wollen, Verantwortung für sich selbst zu tragen. Menschen in Gefängnissen und Flüchtlingsunterkünften bleiben nahezu unsichtbar.

Wenn ich mit meiner Mutter – Jahrgang 1929 – über diese sehr besondere Zeit spreche, dann sehe ich viel Kopfschütteln. Sie ist geistig fit und arbeitet selbstverantwortlich in ihrem Unternehmen. Sie möchte gerne noch lange leben und trägt die Maske, die ihr einer meiner Brüder besorgt hat, mit Widerwillen. Aber sie trägt sie, weil sie sich nicht anstecken möchte. Ansonsten ist sie recht gelassen, etwas, was ich schon häufiger bei alten Menschen wahrgenommen habe. „Wir haben den zweiten Weltkrieg überlebt, da wird uns Corona nicht dahinraffen.“

Meiner Familie – und da gibt es tatsächlich keine Ausnahme – sind Freiheit und Selbstverantwortung sehr wichtig, wahrscheinlich sind wir deshalb bis auf meine jüngste Schwester alle selbständig tätig. Wir möchten selbstverantwortlich gestalten, das haben wir von den Eltern gelernt. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen, eines geht nicht ohne das andere und so reagiere ich in diesen Tagen sowohl auf Zuschreibungen, die nicht meinem Denken entsprechen als auch auf Beschränkungen, die keinen Sinn machen, äußerst allergisch. Wenn dann dazu noch moralische Argumente angeführt werden, die so selbstverständlich logisch daher kommen wie „eine Maske zu tragen, zeugt von Respekt anderen gegenüber“, dann schreit alles in mir, wer denn eigentlich die Definitionsmacht darüber hat, wie sich denn Respekt vor der Gesundheit des anderen in diesen Tagen zeigt. Für mich bedeutet Respekt und Schutz, anderen nicht zu nahe zu kommen. Es fühlt sich vollkommen unpassend an, eine Maske allein im Auto oder an Bord eines Schiffes im flatternden Gegenwind zu tragen.

Ich fühle mich genötigt und zwar deshalb, weil ich nicht am Rande stehen möchte. Ich mag andere Menschen und möchte auch von ihnen gemocht werden und so spüre ich den sozialen Druck. Wenn ich die Maskenpflicht in Frage stelle, dann zeige ich, dass ich andere Menschen nicht respektiere. Ich halte es nicht gut aus, so gesehen zu werden, da es ja auch nicht stimmt. Aber Diskussion darüber, die mit einer anderen Einstellung verbunden ist – in diesen Tagen Fehlanzeige. Entweder ich schlage mich auf die „gute“ Seite oder ich bin weitgehend allein und damit schutzlos.

Jetzt habe ich vorwiegend über gesellschaftliche Reaktionen gesprochen, die mich persönlich verunsichern und ängstigen. Der gleiche Mechanismus spielt sich ja auch im Privaten ab und zwar nicht nur in Zeiten von Corona.

Was darf ich meinem Partner sagen und wie wird er darauf reagieren? Halte ich das aus? Viele Menschen kennen die Angst davor, sich zu zeigen wie sie wirklich sind. Viel zu gefährlich und viel zu verletzlich. Und aus diesem Grund bleiben viele Menschen oberflächlich miteinander verbunden, beklagen gleichzeitig aber ein Verlorengehen von Intimität und Sexualität. Das erlebe ich täglich bei meiner Arbeit als Paar- und Sexualtherapeutin. Da dieser Beitrag ein sehr persönlicher ist, möchte ich ausnahmsweise mehr über mich als über Klienten sprechen und komme nochmals auf meine familiäre Herkunft zu sprechen.

Mein Vater war ein sehr intelligenter und beruflich fortschrittlicher Mensch mit klaren moralischen Werten, die er eindeutig für richtig hielt. Er ging davon aus, dass seine Kinder, diese Werte teilten oder sie zumindest befolgten. Es gab keinen Diskussionsbedarf und keine Erlaubnis dazu. Gleichzeitig hatte er durch seine Gefangenschaft bedingt ein tiefes Misstrauen gegenüber Manipulation, auch staatlicher. Er hatte in der russischen Gefangenschaft die Erfahrung gemacht, dass selbst feste Werte und Überzeugungen aufgeweicht werden können und erschrak – dies wahrnehmend – vor sich selbst. Er hat uns allen einen kritischen Geist mitgegeben, den wir aber nicht auf ihn anwenden durften. Geschah dieses – notwendigerweise in der Pubertät – dann hatte das echtes Konfliktpotenzial. Entweder gab es Situationen wie die schon geschilderte oder Androhungen, demnächst in einem Heim untergebracht zu werden oder er litt schweigend und bekam einen lebensbedrohlichen Herzanfall. Letzteres war besonders unerträglich, denn wir Kinder wollten unseren Vater nicht umbringen. Wir wollten streiten und uns auseinandersetzen. Bei uns zuhause saß der drohende Tod immer mit am Tisch. Also hielt ich den Mund, solange es irgendwie ging und versuchte mich anzupassen so gut es ging. Oder ich wich aus und beschränkte den Kontakt zu meinem Vater auf das Notwendigste.  In Momenten, in denen ich mich sehr ungerecht behandelt fühlte, provozierte ich eine Diskussion, die dann in Gewalt endete und einem darauffolgenden Herzanfall. Selbstverständlich war es immer unsere Schuld

Da die zuerst erlebten Bindungsbeziehungen immer unser eigenes erwachsenes Bindungsverhalten beeinflussen, verwundert es nicht, dass ich in meinen unterschiedlichen Liebesbeziehungen immer wieder in den Konflikt geriet, es dem anderen Recht zu machen oder für mich selbst einzustehen und dann die dazugehörigen Reaktionen zu (er)tragen. Vor allem mein erster Ehemann, mit dem ich eine 25jährige Verbindung teile, konfrontierte mich mit meiner Unfähigkeit, für mich sehr verletzend wirkende Reaktionen, zu ertragen. Wie mein Vater hielt er seine Werte für die Richtigen und setzte sie durch Schweigen durch.

Es gibt viele Arten des Schweigens und ich mag Stille, aber es gibt eine Art des Schweigens, das Gewalt ohne Worte ausübt. Weil es in einer Liebesbeziehung so vernichtend wirkt, manipuliert es und sorgt dafür, dass der Partner das tut, was ich möchte, ohne, dass ein Lautwerden notwendig würde. Das funktioniert deshalb, weil wir immer abhängig in Beziehungen sind, auch als Erwachsene. In uns leben aber die Erfahrungen und Verletzungen des Kindes weiter und aus diesen Gründen ist es schwierig, sich gegen diese Art wortloser Kommunikation zu wehren.

Als Paartherapeutin sehe ich diese Muster zwischen ehemals Liebenden täglich. Meist gibt es einen Partner, der sich Kommunikation wünscht und einen anderen, der sich dem nicht gewachsen fühlt und deshalb zurückzieht.

Diese Muster sind lösbar, aber nur mit sehr viel Verständnis, Engagement und Einfühlung in die Geschichte des So-Geworden-Seins des anderen. Ich wünschte mir in diesen Zeiten, dass wir respektvoll miteinander umgehen, uns zuhören und uns nicht in unserer Andersartigkeit vernichten.

So lange ich mir dessen nicht sicher sein kann, ziehe ich mich zurück und schütze mich. Nicht beleidigt oder strafend! Ich warte auf bessere Zeiten, weil ich nicht anders kann. Gut finde ich das nicht und ich wünschte, ich hätte mehr Mut.

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