#Allesdichtmachen – Ich. Mache. Dicht.

Wer lebt, stört

Christiane JurgelucksIch habe einen Traum: Da ist ein Behälter, wie er zu Tausenden gefüllt mit Jauche auf Bauernhöfen steht. In dieser Kapsel lebe ich. Statt einer Tür gibt es eine Art Schraubverschluss, der mich an den Eingang eines U-Bootes erinnert. Im Traum musste ich lange schrauben, bis er sich öffnen ließ. Und ich dachte: Wenn der so schwer aufgeht, dann kriege ich ihn auch nicht schnell genug wieder zu: Da ist ja allem Tür und Tor geöffnet. Draußen sah es trostlos aus: Alte Fichten und klebrige Nadeln, so eine Art Waldsterben-Feeling, der Weg zu meiner Kapsel mit alten Steinplatten belegt, alles rostig, alles rott. In der Kapsel überraschend angenehm: Ein Ohrensessel mit einer blutorangeroten Fleecedecke. Sonst war da nichts. Offensichtlich beschrieb dieser Traum, den ich vor einem Jahr träumte, schon meine Wirklichkeit, wie ich sie jetzt fühle.

Ja, ich fühle mich eingekapselt. Getrennt, von vielem, was mir lieb und teuer war und ist und ich leider darunter.

Wie viele andere informiere ich mich aus allen möglichen Quellen: Die Tagesschau, Monitor, Die Zeit, der Tagesspiegel aber auch alternative Medien wie Gunnar Kaiser, Boris Reitschuster und Christian Rieck, der mir die Spieltheorie nahebringt, von der ich zwar nur die Hälfte verstehe, ich seine Videos aber trotzdem hochvergnüglich finde. So macht Mathe Spaß. Vielleicht fragen Sie sich, woher ich die Zeit nehme, mich mit so vielen unterschiedlichen Medien zu beschäftigen. Ganz einfach: Zwei Drittel meiner Arbeit sind weggebrochen. Da habe ich Zeit.
Und da Google und YouTube das Nutzerverhalten analysieren und gerne mehr Desselben zeigen, wurden mir vor gut einer Woche kurz nach dem Aufstehen vom Algorithmus die Videos der Aktion #allesdichtmachen angezeigt. Neugierig schaute ich hinein und je mehr ich sah, desto stärker bemerkte ich eine innere Entspannung und Dankbarkeit. Es fühlte sich an, als würde der Schraubverschluss meiner Kapsel so eben in die Luft gesprengt werden. Konnte es sein, dass es den beteiligten Schauspielern gelungen war, mit solch kurzen Videos direkt zu meinen Emotionen vorzudringen und mir Bilder zu schenken, die das ganze Ausmaß an eingekapseltem Gefühl und kontrollierten Gedanken widerspiegelten? Ich war so dankbar. Es gibt offenbar Menschen, die so empfinden wie ich. Vielleicht könnte ich in Zukunft die Tür ein kleines bisschen auflassen

Doch schon wenige Stunden später ein komplettes Platttreten der Aktion: Pietätslos, Zynisch, eine Verhöhnung der an Covid verstorbenen Menschen. Und zack: Schnell wieder zurück in meine Kapsel. Tür zu und Abwarten. Ich fühle mich fremd und entwurzelt. Was bitte hat das Eine – also die Videos mit dem Anderen- also den Verstorbenen zu tun? Zugegeben, Ironie und Galgenhumor liegen nicht jedem. Man mag das sogar geschmacklos finden, aber für mich ist das so, als wenn ich meinem Schicksal entgegen lache, also trotzdem lache, auch wenn mir zum Heulen ist. Was für ein Geschenk: in dieser Situation – endlich mal wieder lauthals lachen, obwohl es weh tut und bei manchen Videos bis an meine Schmerzgrenze geht.

Nehmen wir folgendes Video: Eine Frau – Tee trinkend – sitzt seelenruhig auf einer Wellness-Kissenlandschaft und erzählt davon, dass ihre Tochter seit Monaten nicht mehr aus ihrem Zimmer kommt und sie ihr das Essen immer vor die Tür stelle. „Wahrscheinlich Pubertät, Sie wissen schon.“ Weiter berichtet sie so gleichmütig desinteressiert, dass diese Tochter seit 2 Tagen ihr Essen gar nicht mehr ins Zimmer geholt habe, so dass es den Zuschauer fast unaushaltbar schmerzt. Dabei wirkt sie so, als habe sie die egalisierende Glückspille „Scheiß Egal“ eingenommen, die ihr dabei hilft, das Unerträgliche wie ein glückseliger Funktionsroboter zu ertragen. Ich fühlte mich an den Liedtext „mothers little helper“ von den Stones erinnert.
Zugleich erinnerte ich mich an eine Zeit vor 4 Jahren, in der mein Sohn seinen besten Freund betrauernd das gleiche Verhalten zeigte. Es zerriss mir das Herz, gepaart mit furchtbarer Angst um ihn, Hilflosigkeit und dem Gefühl, irgendwie funktionieren zu müssen. Meinem Sohn geht es wieder gut – mal abgesehen davon, dass er faktisch nicht studieren kann, da keine Bibliothek geöffnet hat und er deshalb im Herbst wieder von vorne anfangen wird. Er murrt darüber nicht, fragt sich aber schon, warum Arbeitnehmern ein selbständiger Antigentest zugetraut wird, StudentInnen aber nicht. Aber zurück zu anderen Familien, von denen man in der Überzahl angepasstes und solidarisches Verhalten hört. Wie mag es ihnen den Kindern und Jugendlichen jetzt gehen? Vor einiger Zeit wurden kurze Texte von Berliner Schülerinnen und Schüler veröffentlicht, die bei mir unendliches Mitgefühl bewirkten. Jede persönliche Geschichte berührt eben ganz anders als eine sterile Zahl.
Das ist ja auch der Grund, warum unser Bundespräsident Herr Steinmeier, Angehörige einlud, die Geschichte ihrer Angehörigen zu erzählen, die an Covid 19 verstorben waren. Es tut gut angehört zu werden, jedem Menschen! In diesem Zusammenhang habe ich mich allerdings gefragt, wie Menschen die Feierstunde zum Gedenken derjenigen, die an oder mit Covid 19 verstorben waren, empfunden haben, die auch einen Angehörigen aus anderen Gründen verloren haben und sich aufgrund der geltenden Regeln nicht verabschieden konnten. Jeden Tag sterben in Deutschland zwischen 2500 und 2800 Menschen. Jeder hatte ein Leben und Beziehungen. Gedenken wir auch dieser Menschen und derjenigen, die sie betrauern!

Dann jenes Video ganz minimalistisch in weiß gehalten. Über die Stille, die jetzt entsteht. Wenig Kontakt. Ganz bei sich sein. Runterfahren. Dafür zahlen wir doch sonst ganz viel: Besuchen Seminare, nehmen an spirituellen Retreats teil und lassen uns kostspielig ins Waldbaden einführen. Jetzt ist alles umsonst und es wirkt grotesk in dieser weißen, sterilen Umgebung, in der der Schauspieler mit seiner Umgebung zu verschmelzen zu scheint. Vielleicht löst er sich sogar auf.
Die Bewohner der Alten- und Pflegeheime hatten es zum Schluss auch ganz still. Es ist sowieso viel zu wenig Pflegepersonal vor Ort und Viele der Wenigen waren auch noch in Quarantäne. So starb es sich in aller Stille. Und glauben Sie mir, ich kann das beurteilen. Ich habe gut 30 Jahre in der Pflege gearbeitet. Mit 13 Jahren habe ich begonnen jeden Sonntag in einem Altenheim mitzuhelfen und zwischen 18 und 51 habe ich als Krankenschwester gearbeitet. Ich könnte vieles zu diesem Thema sagen, aber will es an dieser Stelle nicht tun. Zurück zum Video: Die dargestellte komplette Reizarmut, die im Video inszeniert wird, lässt uns sterben. Zuerst sozial, dann psychisch und zuletzt auch physisch. Immerhin in einer ästhetischen und keimfreien Umgebung. Bleiben Sie gesund!

Ein anderes Video beschäftigt sich mit dem Beifall von der falschen Seite im Theater. Beifall von „rechts“ darf es nicht mehr geben, Also müssen die „Linken“ noch weiter nach links rutschen und wenn alle weiter nach links rutschen, dann am besten ganz raus aus dem Theater. Dann gibt es mit Sicherheit keinen falschen Beifall von der falschen Seite. Einfach genial! Wie hier mit einer ganz eigenen kreativen Logik die momentane Diskussionskultur dargestellt wird. Aus Angst, dass „Rechte“ zustimmen lieber gar nichts sagen. Nicht demonstrieren. Könnten ja „Rechte“ dabei sein. Keine Gruppen bilden. Antisemitismus, alte „Rechte“, neue „Rechte“. Ich musste erstmal googlen, was damit gemeint ist. Haben wir plötzlich so viele „Rechte“ und Antisemiten? Gehöre ich womöglich auch dazu, ohne es zu wissen? Vielleicht bin ich schon infiziert? Symptomlos versteht sich. Verzeihen Sie die kleine Ironie. Ich persönlich würde mir wünschen, dass jeder Journalist und jede Journalistin, die Menschen mit Begriffen wie „VerschwörungstheoretikerIn“, „dem rechten Spektrum zugehörig“, „antisemitisch“ labelt, dieses mit Quellen zu belegen hat. Ich möchte das als Leserin nachvollziehen können und ich möchte keine Quellen unterstützen, die Texte mit Bildern illustrieren, die einen visuellen Zusammenhang zwischen Personen und obengenannten Labeln herstellen, ohne das dies im Text auftaucht. Das ist Rufmord und ich verstehe nicht, dass einige JournalistInnen damit durchkommen, wenn sie eine kurze Entschuldigungsformulierung wählen: „Oh, da hat sich die Bildredaktion geirrt. Das tut uns leid.“ Den betroffenen Menschen kostet es möglicherweise die berufliche Existenz.

Wieder ein anderes Video, in dem sich eine Schauspielerin dafür bedankte, dass ihr jetzt – nicht nur wie im Beruf – der Regisseur sage, was sie zu tun habe, sondern nun auch im täglichen Leben. Endlich wisse sie, was „richtig“ und was „falsch“ sei. Auch das trifft mein Gefühl: Ich fühle mich sehr unangenehm be-eltert. Und ich empfinde meine „Eltern“ nicht in einem guten Sinne fürsorglich. Sie geben vor, alles für mich (uns) zu tun, aber in Wirklichkeit tun sie es für sich selbst, so scheint mir. Ich glaube, man nennt das emotionalen Missbrauch: Lobbyismus. Machtspiele. Profitgier. Narzissmus. Erfreulicherweise gibt es noch glaubwürdige und authentische Onkel und Tanten, aber die haben keine Erziehungsberechtigung. Ich will solche Eltern nicht. Sie sind nicht verlässlich (die Regeln ändern sich ständig), sie sind nicht transparent (sie tun so, als seinen wir zu klein und zu doof, um uns ein eigenes Bild zu machen) und sie hören mich nicht an, sondern erziehen mit den uns allen bekannten Worten: „So lange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst, so lange hast Du zu tun, was wir wollen.“ Dazu achten sie darauf, dass einmal aufgestellte Regeln – so unsinnig sie auch sein mögen – penibel eingehalten werden. Und wenn Du nicht parierst, dann gibt’s Taschengeldentzug und Stubenarrest. Ich hätte nie gedacht, dass ich das nochmal erleben muss. Dass ich durch die Coronakrise nochmal zur Pubertierenden würde. Gleichzeitig fühle ich mich fremd. Meinen „Geschwistern“ scheint das nichts auszumachen. Sie scheinen das mit Gleichmut hinzunehmen. Und sie scheinen auch die Be-elterung zu mögen. Ich verstehe das nicht. Bekommen sie womöglich mehr Taschengeld? Oder haben Sie Möglichkeiten gefunden, den Stubenarrest zu umgehen, so wie ich mich früher immer hinter der Hecke davongeschlichen habe. Vermutlich habe ich mich schon immer mit Regeln schwer getan, die mir niemand schlüssig erklären kann. Und dabei wünsche ich es mir. Immer wieder denke ich darüber nach. Was ist falsch an mir? Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, deshalb stelle ich mich in Frage, aber ich finde den Fehler nicht. Auch nicht in der Überlegung, dass jene Videos demokratiefeindlich sein sollen und die Toten verhöhnen. Was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun? Ich konnte auch nicht über alle Videos lachen, aber über die meisten. Und ich muss an einen im Deutsch- und im Kunstunterricht häufig gehörten Satz nachdenken, den Sie vielleicht auch kennen. Er lautet: „Was will uns der Künstler damit sagen?“ „Gar nichts“, pflegte meine sehr von mir geliebte Lehrerin zu sagen. „Was sagt es Dir?“ „Was macht es mit Dir, wenn Du das liest oder anschaust?“ Die Kunst ist eine Fühlsprache, sie verwirrt und stört unseren Blick. Zuweilen verstört sie auch. Deshalb ist sie unersetzlich und notwendig für uns. Wir würden doch sonst nur im eigenen Saft schmoren oder immer nur die gleiche verbrauchte Luft einatmen, was mich gleich zum nächsten Video bringt:

Sehr schön, die Tütenatmung. Natürlich ist das grotesk, aber vielleicht doch nicht angesichts meiner Beobachtungen, dass Menschen abends allein mit Maske spazieren gehen. Sie atmen auch in eine Tüte, was auf Dauer nicht ganz so gesund sein könnte. Vielleicht fühlen sich diese Menschen durch diese Videos schamvoll gespiegelt, in ihrer gelebten Solidarität nicht genügend wertgeschätzt und in ihrer Angst nicht genügend ernst genommen. Angst ist nicht verhandelbar. Wir haben vor unterschiedlichen Lebensereignissen Angst. Keine Angst und sei sie noch so klein, darf lächerlich gemacht werden, aber sie darf auch nicht automatisch für alle Menschen gelten wollen. Wir haben eine unterschiedliche Sicherheits – Risiko – Achse. Je nach Erfahrung im Leben. Und es spielt immer eine Rolle, wie gut wir die Gefahr einschätzen können und welche Bewältigungsstrategien uns zur Verfügung stehen. Ich habe Glück. Ich kann mich aufgrund meiner Lebenssituation relativ gut schützen, aber ich weiß, es gibt viele Menschen, die das nicht können und deshalb große Angst haben und lieber überhaupt kein Risiko eingehen möchten.

Die Angst führt zum nächsten Video: Eine Schauspielerin, die demonstriert, wie gut sich Emotionen mit Maske ausdrücken lassen. Funktioniert in der Regel nicht besonders gut zumindest im Winter, wenn Schal und Kapuze auch den Rest des Kopfes noch bedecken. Es kann ratsam sein, dies in bestimmten Situationen in Kauf zu nehmen, aber warum darf man die Einschränkung nicht erwähnen und betrauern. Es ist mir schleierhaft. Mir sind Menschen viel fremder geworden, seitdem wir Maske tragen und leider nehme ich auch nicht mehr soviel Anteil. Leider. Ich wünschte, es wäre nicht so. Blöderweise sind die Rezeptoren unseres Nervensystems, welches für soziale Kontakte und Beziehungen zuständig ist, genau unter der Maske versteckt. Damit uns etwas zu Herzen geht, müssen wir unser Gegenüber lesen können. Jenes Nervengeflecht, welches dafür zuständig ist, nennt sich „ventraler Vagus“ und jener versorgt Mundpartie, Hals und Kehlkopf genauso wie das Herz. Es ist schwer, sich jemandem vertrauensvoll zu öffnen, wenn wir nicht im Gesicht lesen können, ob es das Gegenüber gut mit uns meint. Nicht umsonst ist Maskierung bislang mit gewaltbereiten Demonstranten, Banküberfällen und Entführungen assoziiert. Mein Nervensystem lernt nicht so schnell und deswegen mag ich die Maske oft nicht. Und sie erinnert mich immer wieder an eigene traumatische Erfahrungen im Krankenhaus. Glücklicherweise bekomme ich zumindest ganz gut Luft.

Diejenigen, die keine Luft bekommen, und das sind nicht wenige, die haben ein ernstzunehmendes Problem. Sie finden nämlich kaum noch einen Arzt, der ihnen ein entsprechendes Attest ausstellt. Solche Ärzte stehen in dieser verrückten Zeit unter Generalverdacht, was in kürzerer Vergangenheit dazu führen konnte, dass sowohl ihr privates Zuhause als auch ihre Praxis durchsucht wurde. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was das bedeutet: Alle Unterlagen über Patienten, alle PCs und Arbeitsmittel sind weg. Und das auf unbestimmte Zeit. Sie sind arbeitsunfähig, haben feste Kosten und Arbeitslöhne für MitarbeiterInnen zu zahlen. Weil Sie unter Verdacht stehen, haben Sie keinen Anspruch auf Unterstützung. Würden Sie noch ein Attest ausstellen? Das gleicht Selbstmord. Und das alles für eine Maskenbefreiung? Blöderweise wären Sie aber haftbar, wenn Sie nach der dokumentierten Bitte des Patienten, damit konfrontiert würden, dass diesem schwindelig geworden wäre und er sich beim Fallen gefährlich verletzt habe. Ihr Pech. Das ist nicht nur unterlassene Hilfeleistung, sondern, das hätten Sie dann besseren Wissens billigend in Kauf genommen. Zum jetzigen Zeitpunkt ein unberechtigtes Maskenattest auszustellen, dafür braucht es eine Million auf dem Konto und eine Menge Mut. Ich würde es nicht tun, selbst mit der Million auf dem Konto. Es gibt nämlich eine Berufsethik, an die sich Ärzte gebunden fühlen, kein falsches medizinisches Zeugnis auszustellen.

Ich könnte gleich fortfahren mit denjenigen, die ein Maskenattest haben. In der Regel nutzen sie es nicht. Aus Angst! Und wenn man dann noch bedenkt, wie das Verhältnis von Durchlassgröße einer FFP2 Maske im Vergleich zum Virus ist, dann frage ich mich schon, ob die Bekämpfung von Maskenunwilligen diesen Aufwand rechtfertigt. Keine Frage, in bestimmten Situationen macht Maske tragen absolut Sinn, deswegen werden sie im Krankenhaus und bei bestimmten handwerklichen Arbeiten ja auch getragen, aber beim Joggen um die Alster machen sie im besten Fall keinen Sinn und im schlechtesten krank.

Ich glaube ein großes Problem ist, dass es in weiten Teilen unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist, zu sagen, was das alles mit uns macht. Sogleich kommen zusammen mit Coronatoten die möglichen Spätfolgen auf die eine Seite der Waage und auf der anderen Seite wiegt unser Leid: Natürlich viel weniger. Was schwerer wiegt ist klar, muss klar sein. Darüber darf es keine moralische Diskussion geben. Natürlich dürfen wir alles sagen, aber dann müssen wir uns warm anziehen. Und nicht jeder schafft es, sich in so kurzer Zeit ein derartig dickes Fell wachsen zu lassen. Ich schaffe es nicht. Ich habe Angst, auch vor meinen Mitmenschen, die mir so fremd geworden sind. Ich habe Angst vor Politikern, denen ich mich ausgeliefert fühle. In einer Politik, in der Ministerposten an völlig Fachfremde vergeben werden und die dann per Beschluss zu Experten werden. Bestenfalls wachsen sie dort hinein und erarbeiten sich im Laufe der Jahre wirkliche Fachkompetenz. Andere sind Allzweckwaffen, Politikspringer sozusagen, harte Männer oder verschmähte potenzielle Kanzler der Herzen. Wir alle müssen mit ihren Entscheidungen leben.
Ich habe auch Angst vor all den Faktencheckern und Antischwurblern, die nun nach den „Drahtziehern“ dieser verbrecherischen Aktion der 52 Schauspielern investigativ schnüffeln, um sie dann möglichst öffentlich hinzurichten. Selbst wenn die Urteile irgendwann auf Grund eines Rechercheirrtums zurückgenommen würden: Der betroffene Mensch bleibt schmutzig und besudelt. Man könnte es aber auch positiv sehen, frei nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert. Fragt sich nur, wo und wovon man dann noch leben könnte.

Ich bin den Künstlern ungemein dankbar, auch dafür, dass sie Mut gezeigt haben. Ich kann jede(n) verstehen, der den Druck nicht aushielt und der jetzt damit rechnen muss, aufs kleinste zerlegt zu werden. Und deshalb schreibe ich diesen Text, aus Dankbarkeit und Solidarität.

Und jetzt ziehe ich mich wieder zurück. In meine Kapsel. Ich. Mache. Dicht. Aber ich lasse die Tür angelehnt. Kommen Sie mich doch besuchen: Kein Problem, wenn Sie allein vor 21:00 kommen. 

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