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Pornos guckt doch jede(r), oder? – Von der Macht der Bilder

Andreas JurgelucksPornographie steht jederzeit und überall zur Verfügung. Dank Smartphone, Internet-Flatrate und riesigen Datengräbern, die nichts anderes machen, als Pornoclips zu horten und zur Verfügung zu stellen, kann in der „zivilisierten Welt“ beinahe jeder Mensch ab einem gewissen Alter zu jeder Zeit Pornos anschauen. Die „Zugangsprüfung“ erfolgt in vielen Fällen ausschließlich über ein Popup, auf dem einfach auf „Ich bin 18 Jahre oder älter“ (sinngemäß) geklickt werden muss.

Auf der einen Seite heißt es, Pornographie sei harmlos und es wäre überhaupt nicht schlimm, Pornos zu schauen. Auch in einer aktuellen Studie von (Martinyuk & Dekker, 2018) gab der überwiegende Teil der befragten Personen an, die Pornografienutzung habe „keine“ oder „nur positive“ Auswirkungen auf das Sexualleben.

Kühn & Gallinat (2014) haben eine Korrelation zwischen exzessivem Pornokonsum und bestimmten Regionen im Hirn, insbesondere dem Belohnungssystem, festgestellt. Sie stellen in ihrer Studie die Frage, ob es sich um das Henne-Ei-Problem handeln könne: Führt die dauerhafte Reizüberflutung mit Pornos tatsächlich zu einer Abstumpfung des Belohnungssystems und zur Verkleinerung bestimmter Hirnareale oder benötigen Personen mit einem von Natur aus schwachen Belohnungssystem einfach stärkere Reize und neigen deshalb zu übermäßigem Pornokonsum?

PornoNichtsdestotrotz können Menschen vollkommen unreflektiert Pornographie konsumieren und die Folgen spüren wir in unserer Praxis zunehmend. Junge Paare, die sich melden, weil die Sexualität nicht erfüllend sei, junge Männer, die unter Erektionsstörungen leiden oder in der Paarsexualität nicht zum Orgasmus kommen können. Früher waren Erektionsprobleme ein „Problem alternder Männer“, weil auch bei Männern mit zunehmendem Alter der Hormonspiegel langsam sinkt (Kaufman & Vermeulen, 2005) und auch Adipositas spielt eine entscheidende Rolle, da sich im viszeralen Bauchfett Aromatase anreichert, welches Testosteron in Östrogen umwandelt und damit direkte Auswirkungen auf Libido und Erektionsfähigkeit hat (ebd.). Heute melden sich teilweise Männer, die zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt sind und unter Erektionsstörungen oder Orgasmus-Schwierigkeiten leiden, oder ebenso junge Paare, die beklagen, dass sie sexuell vollkommen unterschiedliche Bedürfnisse haben. In sehr vielen Fällen beschreiben die betroffenen Männer eine früh gestartete Porno-„Karriere“, d.h. sie haben bereits in jungen Jahren (z.B. während oder kurz nach der Pubertät) damit begonnen, Pornos zu schauen und dazu zu masturbieren.

Warum kann das problematisch sein?

  • Pornographie ist dazu gemacht, gezielt sexuell zu erregen

Pornographisches Material ist so produziert, dass sexuelle Erregung induziert wird. Unerfahrene Menschen lernen möglicherweise, wie Menschen auszusehen haben, wie Körper und Geschlechtsteile aussehen müssen und wie Sex zu sein hat. Das kann dazu führen, dass Konsumenten sowohl ihre Partner*Innen als auch sich selbst mit den Pornodarsteller*Innen vergleichen. Es wird ein Leistungsdruck erzeugt, da die sexuellen Praktiken eher eine Anmutung von Sportübungen als von Lust und Genuss haben und weil in Pornos großenteils Menschen mit sehr attraktiven Körpern agieren. Frauen wie Männer sind größtenteils komplett haarlos, Penisse sind möglichst groß und Vulven sollen aussehen wie ein hellrosa Pfirsich. Verfärbungen, Asymmetrien oder Ähnliches kommen (abgesehen bei Menschen mit dunklerer Haut) selten vor oder werden retuschiert. Eine Verführung ist nicht notwendig, sowohl Frauen als auch Männer sind allzeit willig und allzeit bereit.

  • Pornographie ist Kopfsex

Ich habe viele Jahre als Programmierer gearbeitet. Wenn ich abends nach acht oder mehr Stunden vom Bürostuhl aufgestanden bin, ist mir erst in dem Moment aufgefallen, was ich meinem Körper angetan habe: Schmerzen im gesamten Körper durch die Zwangshaltung. Irgendwann wurde mir klar, dass bei der Nutzung von Internetpornographie nichts anderes passiert: die Konsumenten sitzen vor dem PC oder dem Smartphone, der Fokus ist auf dem Bildschirm und der Körper unterhalb des Halses ist wie abgeschnitten. Das bestätigt sich regelmäßig, wenn ich betroffenen Männern die Frage stelle, ob und wo sie während der Masturbation Spannung im Körper haben. Überwiegende Antwort: „Weiß ich nicht“. Wissen Sie, wie sie atmen? „Keine Ahnung“. Wie berühren Sie sich, wie fest drücken Sie, welche Bewegungen machen Sie? „Hm, da muss ich mal nachdenken. Vielleicht so?“ oder noch ungenauer: „Normal halt“.

Mit anderen Worten: die Wahrnehmung dessen, was Betroffene mit ihrem Körper machen, während die Augen auf dem Monitor kleben, ist sehr gering.

  • Der Körper lernt, was sexuell erregend ist

Da hohe sexuelle Erregung direkt mit dem Belohnungssystem interagiert, lernt der Körper relativ schnell, was sexuell erregend ist. Erlebt nun ein Mensch, der vor der ersten Paarsexualität bereits relativ viel Pornos konsumiert hat, den ersten realen Partnersex mit einem realen Menschen, kann es passieren, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden. Vielleicht ist der Sex nicht so „geil“ wie im Film, die Praktiken nicht so abgefahren, der Körper nicht so perfekt, das Stöhnen nicht so laut. Das, was jemand bisher mit sich selbst zu Pornos oder in der eigenen Phantasie gemacht hat, funktioniert vielleicht im echten Leben nicht so. Und vor allen Dingen ist weder die Vagina in der Lage, den Druck zu erzeugen, den eine Hand erzeugen kann, noch ist ein Penis, ein Finger oder eine Zunge in der Lage, zu vibrieren. Entsprechend kann diese erste Erfahrung zu Enttäuschung führen. Oder ein(e) Partner(in) verlangt sexuelle Praktiken, die das Gegenüber abstoßen oder nicht „anmachen“.

Kann ich da was ändern?

Kurz gesagt: ja. Allerdings muss man sich darauf einstellen, dass die Veränderung nicht innerhalb weniger Tage funktioniert. Zum einen ist das Hirn wie bereits beschrieben möglicherweise auf Pornographie konditioniert. Schlimmstenfalls fällt der Verzicht auf Pornographie sehr schwer. Zweitens ist auch das körperliche „Tun“ eingeübt. Das, was wir in der Sexualität erregend finden, ist erlernt. Und etwas Neues zu lernen oder eingeübte Rituale umzulernen ist ein Prozess, der ein Weilchen dauert. Ein Kind lernt nicht an einem Tag das Laufen. Dieses Umlernen oder Neulernen ist aber notwendig.

Die gute Nachricht ist, dass Sexualität erlernbar und erweiterbar ist. Ein erster Schritt wäre die Entwöhnung von den Pornoclips. Ob das schrittweise oder als „harter Entzug“ passiert, ist sicherlich persönlich bedingt. Ein weiterer Schritt ist die Verfeinerung der Wahrnehmung. Was spüre ich zu welchem Zeitpunkt in welchem Bereich meines Körpers? Und darüber hinaus kann man spezielle angeleitete Körperübungen durchführen, die sich positiv auf die erlebte Sexualität auswirken können.

Literatur

Kaufman, J. M., & Vermeulen, A. (2005). The Decline of Androgen Levels in Elderly Men and Its Clinical and Therapeutic Implications. Endocrine Reviews, 26(6), 833–876. https://doi.org/10.1210/er.2004-0013

Kühn, S., & Gallinat, J. (2014). Brain Structure and Functional Connectivity Associated With Pornography Consumption. JAMA Psychiatry, 2014;71(7):827-834. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2014.93

Martyniuk, U., & Dekker, A. (2018). Pornografienutzung von Erwachsenen in Deutschland: Ergebnisse einer Pilotstudie. Zeitschrift für Sexualforschung, 31(03), 237–249. https://doi.org/10.1055/a-0664-4441

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