Bleiben oder Gehen?

Macht Paartherapie für uns überhaupt noch Sinn, oder ist es bereits zu spät?

Diese Frage höre ich als Paartherapeutin oft. Was tun? Und wie damit umgehen? Als Paartherapeutin wird mir großes Vertrauen entgegen gebracht aber auch Verantwortung zugewiesen, die ich nicht übernehmen kann. Dies geschieht oft aus Verzweiflung und Nicht-mehr-weiter-Wissen. Das Paar kann keine Liebe mehr spüren, oft nicht einmal mehr Zuneigung und Respekt. Anhaltende und zermürbende Konflikte führen zu eskalierendem Streiten oder einer friedhöflichen Ruhe.

Zu Beginn des ersten Gespräches frage ich das Paar, was es an diesem Termin von mir erwartet, und nicht selten höre ich, dass die beiden eine professionelle Einschätzung ihrer Beziehung wünschen. „Glauben Sie, dass wir noch eine Chance haben?“

Wie kann ich mit dieser Frage umgehen? Ich habe nun einige Jahre Erfahrung mit Paaren, aber ich bin natürlich keine Hellseherin. Dennoch gibt es einige Fragetechniken und gezielte Beobachtungsmöglichkeiten, die eine Tendenz spüren lassen. Wenn ich also noch einen Funken Zuneigung ausgraben kann, nehme ich den Auftrag an. Wenn nicht, melde ich dies zurück. Manchmal kommen wir dann ins Gespräch, warum es so schwer ist, Zuneigung auszudrücken und welche Verletzungen den Weg blockieren. Ich tue mich allerdings schwer, zu entscheiden, ob Paartherapie noch Sinn macht oder eben nicht. Dies nach einem einmaligen Gespräch zu beurteilen, halte ich für eine Anmaßung. Wenn die Entscheidung nicht gleich auf der Hand liegt, müssen wir uns Zeit nehmen, genau dies herauszufinden.

Was sich als sehr hilfreich erwiesen hat, ist das Eingehen eines befristeten Paartherapie-Rahmenvertrages. Hier überlegen wir gemeinsam, wie lange sich ein Paar Zeit nehmen möchte, um mit mir herauszufinden, ob die Liebe noch zu retten ist oder nicht. Je nach Problem empfiehlt sich hier eine Dauer zwischen 4 und 10 Monaten bei anfangs zweiwöchentlichen und später vierwöchentlichen Treffen. Teil des Therapievertrages ist, dass in dieser Zeit keine Entscheidungen getroffen werden sollen und sich keiner der Beteiligten vorher verabschieden darf. Der große Vorteil dieses Vertrages ist, dass er ergebnisoffen ist. Das heißt, ich kann auf diese Weise auch Partner beraten, die ihre Beziehung unterschiedlich bewerten.

Vielleicht wundern Sie sich darüber, dass ich mich selbst mit einschließe. Aber dieser Rahmen hilft auch mir, die Hoffnungslosigkeit, die sich manchmal einstellt, zu ertragen und arbeitsfähig zu bleiben.

Als Paartherapeutin fühle ich mit meinen Klienten, und ich verlasse das gemeinsame „Boot“ nicht, auch wenn es unbequem wird, und ich denke, dass ich mein Honorar wesentlich leichter verdienen könnte.

Diese Einstellung ist aus professioneller Sicht umstritten. Beratung setzt gesunde Menschen voraus, die sich klar artikulieren können und den Beratungsprozess mitgestalten können.
Ich erlebe Menschen, die von Trennung bedroht sind nicht als krank oder gestört, aber die meisten befinden sich in einer heftigen Krise. Durch meine langjährige klinische Erfahrung weiß ich, dass Menschen in einer Krise Halt bedürfen. Diesen Halt versuche ich durch die Rahmenvereinbahrungen zu geben.

Mitlerweile höre ich häufiger von Paaren: „Gott sei Dank waren wir gezwungen, nicht aufzugeben. Ohne, wären wir längst nicht mehr zusammen, und wir hätten auch nicht verstanden, warum wir uns getrennt hätten.“

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